Buchtipps

der Bücherstüblerinnen

 

Bilderbuch des Monats Buch des Monats Sachbuch des Monats Angebot desonats

Glocke
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kommt der Fortschritt auch bis in die „innersten Landschaften Norwegens“. Im abgelegenen Dorf Butangen möchte der neue Pfarrer Kai Schweigaard die alte, zu kleine und marode Stabkirche abreißen und ein neues Gotteshaus errichten lassen. Geld dafür gibt es von Sachsen, dort will man das einzigartige Zeugnis des Übergangs zwischen heidnischer Tradition und christlichem Glauben wieder aufbauen – als Museum. Abbau, Transport und Wiederaufbau soll der Student der Architektur und Ornamentik, Gerhard Schönauer, zeichnerisch dokumentieren, organisieren und überwachen.

Die Einheimischen kämpfen hart, um gegen Schnee und Eis zu überleben. Die junge Astrid Henke ist darüber hinaus ungewöhnlich interessiert an Bildung und träumt von fernen Gegenden. Sie ist hin- und hergerissen zwischen den beiden neuen weltgewandten Männern im Ort. Überliefertes Wissen, alte Traditionen und hellsichtige Visionen fließen in ihr Leben ein. Ihre Ahnen hatten einst die bedeutungsvollen Glocken der Stabkirche gestiftet. Nun kämpft sie um deren Verbleib in Butangen.

Wenn man sich an die etwas altertümliche Sprache mit Dialekt der Bauern gewöhnt hat, entwickelt sich die Geschichte faszinierend und spannend.

Dieser Auftakt einer Trilogie erinnert an „Die Kathedrale des Meeres“ oder „Die Säulen der Erde“ und ist sehr zu empfehlen.

Mytting, Die Glocke im See
ISBN 978-3-458-17763-0
(Insel)
24 €

 

 

Wal
Der Informatiker Joe hat für seinen Chef bei der Investmentbank ein Computermodell entwickelt, welches Wirtschaftsverhalten vorhersagen kann. Es basiert auf der Annahme des menschlichen Egoismus in Krisenzeiten. Und die werden kommen; eine Grippewelle ist Auslöser für den prognostizierten baldigen Zusammenbruch der Gesellschaft.

Davor flüchtet Joe von London an die Küste.
Er wird im Dörfchen St. Piran als 348. Bewohner aufgenommen.

Durch die Rettung eines gestrandeten Wals verschafft er sich im Ort Sympathie und Respekt. Außer beim eifersüchtigen Pastor, dessen Frau Polly sehr attraktiv ist.

Joe lagert angesichts des drohenden Zusammenbruchs im alten Glockenturm der Kirche Lebensmittel ein.
Aber nicht nur für sich selbst, er will das ganze Dorf retten.

Eine liebevolle und etwas skurrile Geschichte über die Menschlichkeit und die Kräfte der
(Dorf-) Gemeinschaft.

John Ironmonger, Der Wal und das Ende der Welt
ISBN 978-3-10-397427-0
(Fischer)
22 €

 

 

Geiger
In Österreich – unter der Drachenwand finden sich im Jahr 1944 Veit Kolbe, Soldat zur Genesung, Margot, eine junge Frau aus Darmstadt mit ihrem Baby und Margarete, Lehrerin mit 35 aus Wien verschickten Mädchen wieder.
Der Krieg ist verloren, die Zukunft unsicher.

Eindrucksvoll beschreibt Arno Geiger die Perspektiven und Gefühle seiner Figuren und deren Ringen in düsteren Zeiten für sich eine Zukunft zu erschaffen.
Ein vielschichtiger – viele Schicksale betrachtender Roman, sehr lesbar und nachhaltig beeindruckend.

Arno Geiger, Unter der Drachenwand
ISBN 978-3-446-25812-9
(Hanser)
26 €

 

 

Murakami
Der erste Teil von Murakamis zweibändigem Künstlerroman. Nach der Trennung von seiner Frau zieht sich ein japanischer Porträtmaler in das Haus eines Freundes in den Bergen zurück, um zur Ruhe zu kommen und sein Leben neu auszurichten.

Er reflektiert seine Beziehungen und findet über die Freundschaft zu einem faszinierenden, reichen Nachbarn künstlerisch einen neuen Anfang. Es gelingt ihm gewissermaßen die Seele seiner Modelle zu erfassen.

Ein spannend zu lesender Roman mit mysthisch-geheimnisvollen Seiten, den man, einmal begonnen nicht mehr zur Seite legen möchte.

Haruki Murakami, Die Ermordung des Commendatore I
ISBN 978-3-8321-9891-6
(DuMont)
26 €

 

 

Allende
Chile, Guaemala, USA - 3 Länder - 3 Schicksale !

Erzählt wird die Lebensgeschichte der älteren Chilenin Lucia, der jungen Evelyn aus Guatemala und dem älteren Amerikaner Richard, die eine Leiche in einem Koferraum zuzsammenführt.

Erschütternde Einzelschicksale, die in einem liebevollen Zusammenleben enden.

Tolle Sprache, berührende Story - eine tolle neue Allende

 

Isabel Allende, Ein unvergänglicher Sommer
ISBN 978-3-518-42830-6
(Suhrkamp)
24 €

 

 

Manhattan
Dieser spannungsreiche und unterhaltsame Roman entführt uns in die 1940er Jahre, eine Zeit des Umbruchs, und an ungewöhnliche Schauplätze wie die Marinewerft in New York oder Manhattan Beach, wo die Wohlhabenden sich vergnügten.

Für die junge Anna, die ohne ihre Familie in New York lebt, eröffnen sich durch die Arbeit in der Werft neue Wege. Als erste Frau bei den Marinetauchern hat sie es allerdings schwer, akzeptiert zu werden.

Dexter, Familienvater und Schwiegersohn eines einflussreichen Mannes, verdient sein Geld vor allem mit Nachtclubs, aber auch allen Arten legaler und illegaler Geschäfte.

Ihre Schicksale sind über den Lebenslauf von Annas plötzlich verschwundenem Vater verwoben.

Wie kann es gelingen, die Weichen zu stellen für das Leben nach dem Krieg?

Jennifer Egan, Manhattan Beach
ISBN 978-3-10-397358-7
(Fischer)
22 €

 

 

Vox
Amerika im 21.Jahrhundert. Frauen dürfen nicht mehr als 100 Wörter am Tag sprechen. So will es die neue Regierung.
Jean McClellan ist Wissenschaftlerin, hat drei Söhne und eine Tochter - Sonia, 6 Jahre.
Für Jean bricht eine Welt zusammen als sie ihr elektronisches Armband, das die 100 Wörter kontrolliert und schmerzliche Stromstöße abgibt, wenn die Höchstzahl überschritten ist, erhält. Ihre Tochter darf sich sogar ein besonders schönes Band aussuchen.
Sonia wird in der Schule nicht lesen lernen. Sie wird nicht mit ihren Klassenkameradinn herumalbern.
Jean verliert ihre Stelle als Wissenschaftlerin. Ist nur noch Hausfrau. Kann ihre Kinder nicht mehr mit Worten trösten, ihnen keine Geschichten vorlesen. Kann nicht mehr mit ihren Eltern telefonieren.

Was wird aus einer Gesellschaft in der Frauen nicht mehr ihre Träume leben können und ihrer Sprache beraubt werden?
Doch es gibt Widerstand und somit Hoffnung!
Dieser Roman wird zu Diskussion anregen und er macht uns bewußt, wie wichtig Wörter sind, ob gesprochen oder geschrieben.

Christina Dalcher, Vox
ISBN 978-3-10-397407-2
(Fischer)
20 €

 

 

Libellen
Ein weiteres dunkles Kapitel in der Geschichte der USA:

Neben Kriegsveteranen, einem "Zug der Waisen", nun Kindesentführung aus finanziellen Interessen.

Politiker, Schauspieler, Künstler haben sich Kinder aus einem Heim "geholt", um ihren Status als liebevolle Familienmenschen zu etablieren.

Woher dies Kinder kamen war ihnen egal.

Wie sehr die Kinder unter der Trennung von Eltern und Geschwistern gelitten haben und wie Eltern daran zerbrochen sind, wird sehr einfühlsam in diesem Roman beschrieben.

Lisa Wingate, Libellenschwestern
ISBN 978-3-8090-2690-7
(Limes)
22 €

 

 

Wurzel
Nicht nur Zähne haben Wurzeln auch Familie hat welche.

Wie weit verzweigt diese Wurzeln sind, müssen zwei sich gerade erst gefundene Halbbrüder feststellen, denn der Vater ist sehr viel und sehr weit herumgekommen in seinem Leben.
Die zwei Geschwister machen sich nun auf den Weg, um auf Vaters Spuren zu wandeln und bereisen dabei die halbe Welt.

Der introvertierte Zahnarzt findet nicht nur heraus, daß Familie etwas sehr Schönes ist, so ganz nebenbei findet er auch noch etwas ganz Besonderes!

Ein Buch, das man mit einem Schmunzeln liest und das einen tief berührt zurückläßt.

Miika Nousiainen, Die Wurzel alles Guten
ISBN 978-3-442-48821-6
(Goldmann)
10 €

 

 

Nachsommer
Im Nachsommer in den finnischen Schären geht es beschaulich zu, die Natur kommt zur Ruhe. Hier, im Ferienhaus der Familie, möchte Olofs Mutter die letzten Tage ihres Lebens verbringen. Neben dem Sohn Olof (Erzähler) und ihrem Lebensgefährten und Arzt „Onkel Tom“ soll auch Sohn Carl anwesend sein, der vor über zehn Jahren Finnland aus Karrieregründen verlassen hat, was ihm die Mutter nie verziehen hat.

Das Wiedersehen mit Carl und seiner Frau Klara weckt Erinnerungen. Carls beide Söhne sind äußerst unterschiedlich. Gut, dass die Pflegerin, eine patente und eigenwillige pensionierte Diakonisse sich um die beiden kümmert.
Das ist humorvoll geschildert.

Sehr eindrücklich ist in dem tiefgründigen Roman das Verhältnis zwischen Olof und dem jüngeren Bruder beschrieben. Der Leser erfährt von alten Rivalitäten.
Der jüngere Carl war immer stärker, entschlussfreudiger und dominant gegenüber dem Erzähler. Doch weiß er von dessen Geheimnis?
Wird es Olof gelingen, sich aus seiner damaligen Rolle zu befreien?

Auf knappen 142 Seiten entwickelt dieser empfehlenswerte Roman eine Geschichte von Familienbeziehungen in Vergangenheit und Gegenwart mit großartigen Charakteren und so vielfältig wie das Leben.

Johan Bargum, Nachsommer
ISBN 978-3-86648-260-1
(Mare)
18 €

 

 

Gladys
Der vom Leben enttäuschte, griesgrämige Astronaut Thomas Major, genannte Major Tom, ist auf dem Weg zum Mars.

One-Way-Ticket versteht sich.

Die 70jährige demente Gladys versucht, so gut es geht, sich um ihre 2 Enkelkinder zu kümmern.

Nach einem Telefonat aus dem All nimmt das Leben aller Beteiligten eine rasante Wendung.

Wie sie es gemeinsam schaffen, sich aus der finanziellen Misere zu befreien, den Vater aus dem Gefängnis zu holen, liest sich sehr amüsant.
Dem normalen Alltagsirrsinn wird mit Witz, Zusammenhalt und Lebensmut getrotzt !

Ein Buch, von dem man gerne eine Fortsetzung lesen würde.

David M.Barnett, Miss Gladys und ihr Astronaut
ISBN 978-3-548-28954-0
(Ullstein)
15 €

 

 

Leben
Hühnerhaltung in der Wohnung, ein mürrischer alter Mann, eine Sängerin deren beste Zeit längst hinter ihr liegt, eine alleinerziehende Mutter, Eltern, deren Sohn in Australien lebt und kaum noch Kontakt hält. Ferner ein verliebter Student und noch ein paar Andere.

Ein Mehrparteienhaus, in dem Jeder in seiner eigenen Welt vor sich hinlebt. Kontakt - Fehlanzeige.
Doch dann kommt der 14jährige Gregor, mit seiner Pelzmütze auf dem Kopf. Er liebt es, schwimmen zu gehen. Doch Vorsicht -nur mit grünen Badeschuhen! Er tickt halt ein bißchen anders. Gregor besucht seine Tante und seinen Onkel und Gregor erkundet dieses Haus.

Er klingelt mal an der einen Wohnungstür - mal an der anderen.
Dieser etwas anders tickende Junge schafft es, daß die Hausbewohner wieder ein Gemeinschaft werden.
Ja, er haucht dem Haus wieder eine Seele ein.

Ein Wohlfühlroman und ein Junge, den man einfach ins Herz schließt.

Ulrike Herwig, Das Leben ist manchmal woanders
ISBN 978-3-423-26161-6
(Dtv)
14,90 €

 

 

Zopf
Die Geschichte dreier Frauen aus drei verschiedenen Kontinenten.

Indien: Smita, die Aussätzige, die ihrer Tochter all das ermöglichen möchte, das sie selbst nicht hat - Bildung, Anerkennung. Dafür opfert sie das wertvollste, das sie besitzt - ihre Haare!

Sizilien: Giulia, Tochter eines Perückenherstellers, dessen Fabrik vor dem Bankrott steht, hat eine verrückte Idee und setzt diese in die Tat um: Sie kauft Haare aus Indien und rettet dadurch die Fabrik.

Montreal: Sarah, erfolgreich, alleinerziehend, bekommt Krebs.
Ihre Welt gerät aus den Fugen und sie verliert ihre Würde und ihr Selbstbewusstsein.
Dank der Haare aus Indien, der Perücke aus Palermo kehrt ihr Lebensmut zurück.

Ein ungewöhnlicher Frauenroman, getragen von drei Einzelschicksalen, die sich so aber
leider zu oft ereignen.
Selten etwas so Bewegendes gelesen.

Laetitia Colombani, Der Zopf
ISBN 978-3-596-70185-8
(Fischer)
11 €

 

 

Zimt
Noor lebt seit 30 Jahren in San Francisco. Als ihre Ehe zerbricht fährt sie mit ihrer 15-jährigen Tochter Lily zurück nach Teheran. Dort betreibt ihr Vater Zod immer noch das Restaurant und
Café Leila, in dem die Familie seit den 1930er Jahren auch Ausgegrenzten und Heimatlosen eine Oase bietet.

Doch der Iran als islamische Republik ist nicht mehr so aufgeschlossen wie zu Noors Kindheit.

Lily, die sich der Mutter zu entziehen versucht, kann in einer gefährlichen Situation ihren Mut beweisen.

Auch Noor gerät in Schwierigkeiten und wird verhaftet wie einst ihre Mutter, die nie wieder zurück kam.

Gespickt mit vielen kulinarischen Köstlichkeiten ist dieser Roman eine faszinierende Geschichte von vier Generationen einer Familie im Kontext der gesellschaftlichen Veränderungen im Iran.

Donia Bijan, Als die Tage nach Zimt schmeckten
ISBN 978-3-548-29039-3
(Ullstein)
11 €

 

 

Odinskind
Schön nordisch angehauchter Auftakt der Fantasy-Trilogie
„Die Rabenringe“.

Frische Charaktere und schwungvolle Sprache packen einen von Anfang an.

Die 15jährige Hirka ist anders als die anderen Ymlinge, sie hat keinen Schwanz. Den hat ein Wolf gefressen, so sagte ihr Vater immer.
Ihr Leben ändert sich plötzlich, als sie erfährt, dass sie schon schwanzlos als Neugeborene bei den düsteren Steinkreisen gefunden worden ist, die als Tore zu einer anderen Welt gelten. Sie ist anscheinend eines der legendären Odinskinder, die von den Bewohnern Ymslands geächtet und gefürchtet werden.

Kann ihr Rime, ihr Freund aus Kindertagen, helfen? Er ist allerdings Mitglied einer angesehenen und mächtigen Ratsfamilie und steht daher auf der gegnerischen Seite.

Ein sehr spannendes, einfallsreiches und umfangreiches Werk, das eigentlich als Jugendbuch konzipiert ist.
Manche Begriffe erscheinen trotz des Glossars am Ende des Buches allerdings zuerst nebulös.

Man darf sich auf die 2019 erscheinenden beiden weiteren Teilbände freuen.

Siri Pettersen, Die Rabenringe. Odinskind
ISBN 978-3-03880-013-2
(Arctis)
20 €

 

 

Meer
Eine Fischereibeobachterin der EU verschwindet von einem Fangschiff. Ihr Vater und ein ehemaliger Jugendfreund reisen bis nach Myanmar, um sie vielleicht doch noch lebend finden zu können. Hier scheinen die Wurzeln einer radikalen Organisation zum Schutz der Meere vor Überfischung zu liegen.

Gleichzeitig mehren sich die Fälle von Lebensmittelvergiftungen nach dem Verzehr von Meeresfrüchten in Europa. Werden die Politiker darauf reagieren? Wie weit fühlen sie sich ihrem Gewissen verpflichtet oder einer bestimmten Lobby?

Ein packender, gut recherchierter und gut geschriebener Thriller um das hochaktuelle Thema der Übernutzung der Meere, Regulierungsversuche der EU-Politik und organisiertes Verbrechen.

Leider lässt der Appetit auf Fisch, Muscheln u.ä. während des Lesens enorm nach –
aber vielleicht ist das auch gut so?

Wolfram Fleischhauers, Das Meer
ISBN 978-3-426-19855-1
(Droemer)
19,99 €

 

 

Mingels
Ein beeindruckender Roman über ein zentrales Thema unseres Lebens: die Familie.
Wie wichtig sind uns diese Bindungen und wie prägen sie uns in unserem Leben.

Die Autorin beobachtet, lotet aus und erzählt dabei mit großer Spannung die Lebensgeschichte ihrer Hauptfigur Susa.
Sie wurde als Kind adoptiert, erlebte eine schöne Kindheit.
Als sie eine eigene Familie gründet, erwacht in ihr der Wille, nach den eigenen Wurzeln zu suchen, den biologischen und den sozial gewachsenen.
Sie möchte wissen, worauf sie sich verlassen kann, um sich selbst und ihrer Familie Halt zu geben.

Spannend und sehr authentisch.

Annette Mingels, Was alles war
ISBN 978-3-8135-0755-3
(Penguin)
10 €

 

 

Swift
In diesem kurzen Roman erzählt Graham Swift die Geschichte der zweiundzwanzigjährigen Jane Fairchild und die Geschichte eines Tages im März, der einen Wendepunkt in ihrem Leben darstellen wird.
Höhepunkt, Feier und Ende einer Liebe und gleichzeitig Beginn eines neuen Weges im Leben der jungen Dienstbotin.

Ein sinnlicher Roman und feinfühlige Beschreibung des erwachenden Interesses an Literatur.
Wir beobachten sozusagen die Geburt einer Schriftstellerin, die in der Lage ist, ihren Lebensweg selbstbestimmt zu gestalten.

Ein schönes, intensives Buch.

Graham Swift, Ein Festtag
ISBN 978-3-423-14677-7
(Dtv)
10,90 €

 

 

Jerger
Die beiden bedeutenden Vordenker ihrer Zeit wohnen 1881 nicht weit voneinander entfernt in England. Beide befinden sich in ihrem Lebensabend und leiden unter gewissen körperlichen Beschwerden. Dafür ist ein und derselbe Arzt zuständig, der bald einige Gemeinsamkeiten zwischen den Herren entdeckt.

Darwin hat mit seiner Evolutionstheorie den Schöpferglauben erschüttert. Er fühlt sich missverstanden. Aber ist er ein Atheist? Seine Ehefrau möchte ihn um seines Seelenfriedens willen wieder zum Besuch des Sonntagsgottesdienstes bewegen.

Marx will das Schreiben einer Fortsetzung nach seinem 1. Band von „Das Kapital“ nicht mehr so recht gelingen. Müsste es denn nicht bald zur Revolution kommen?

Zunächst kommt es aber zu einem Treffen beim Dinner in Darwins Haus. Ein Doktor Büchner aus Darmstadt ist auch anwesend, zur Freude von Ms Darwin einmal ein höflicher Deutscher, der nicht mit zu lauter Stimme spricht. Auch der Pastor des Ortes nimmt Teil.
Die Unterhaltung gestaltet sich allerdings sehr schwierig…

Der erste Roman der Autorin ist trotz der tiefgründigen Themen unterhaltsam und witzig gehalten.

Ilona Jerger, Und Marx stand still in Darwins Garten
ISBN 978-3-548-29061-4
(Ullstein)
11 €

 

 

Cognetti
Der wunderschön gestaltetet Schutzumschlag stimmt ein auf die Geschichte einer Freundschaft in den Bergen und zu den Bergen.

Pietro aus der Großstadt Mailand lernt in dem abgelegenen Bergdorf Grana den Hirtenjungen Bruno kennen als sie elf Jahre alt sind. Sie verstehen sich ohne viele Worte. Beide zeichnet ein schwieriges Verhältnis zu ihren Vätern aus. Auch wenn sie als Jugendliche und junge Erwachsene unterschiedliche Wege beschreiten, sich jahrelang nicht sehen, kehrt Pietro immer wieder zurück in die Berge und zu Bruno. Dieser versucht mühsam, die ererbte Alm am Leben zu erhalten.

In einfühlsamer, unaufgeregter Sprache wird die Geschichte entwickelt. Eindrucksvoll ist das Leben in den Bergen dargestellt, die Stimmungen der Natur und ihre Reflexion in den Menschen. Wohltuende Stille und Einfachheit steht dem Wunsch nach Anregungen, Austausch und Komfort gegenüber.

Cognetti ist ein tiefgründiger, schöner und zum Nachdenken anregender Roman gelungen,
der nicht nur Bergfreunde begeistern wird.

Paolo Cognetti, Acht Berge
ISBN 978-3-328-10344-8
(Penguin)
10 €

 

 

Lafaye
Es ist das Jahr 1935. In einer Kleinstadt in Florida braut sich ein gewaltiger Sturm zusammen. Unerträglich schwül ist der Sommer . Die Auseinandersetzungen zwischen den weißen Grundstücksbesitzern, den schwarzen Bediensteten und den heimgekehrten Kriegsveteranenen spitzen sich zu. Letztere sind, um nicht auf der Straße zu stehen, dem staatlichen Beschäftigungsprogramm beigetreten.

Am 4.Juli eskaliert die Situation. Alkohol, Wut, Hass, Neid und der verheerendste Tornado aller Zeiten lassen die scheinbar heile Fassade der amerikanischen Gesellschaft bröckeln.

Ein Roman über Schwarz-Weiss, über eine große Liebe und große Ungerechtigkeiten.
Und über ein Stück amerikanischer Geschichte über die sehr wenig in den Geschichtsbüchern steht, denn wie mit den Heimkehrern aus dem 1.Weltkrieg verfahren wurde, wird gerne totgeschwiegen.

Vanessa Lafaye, Summertime
ISBN 978-3-8090-2653-2
(Limes)
19,99 €

 

 

Hogan
Sie kennen das bestimmt: Man geht spazieren und plötzlich sieht man einen einzelnen Handschuh liegen oder im Gras glitzert ein Ohring.
Mr. Anthony Peardews sammelt all diese verlorenen oder weggeworfenen Dinge auf, nimmt sie mit nach Hause und katalogisiert sie. 
Er will all diese Schätze wieder den Besitzern zurückgeben. Sogar ein Buch wollte er darüber schreiben, denn hinter all diesen Gegenständen steckt ja eine Geschichte.
Doch leider wurde das Manuskript vom Verleger wieder zurückgeschickt. Auch dieser hat seine Geschichte in diesem anrührenden Werk, das einem einfach nur das Herz aufgehen läßt.
Nach Peardews Tod werden seine junge Assistentin Laura,
sein Gärtner Freddy und "Sunshine" , ein ganz besonderes Mädchen,
Anthonys Lebenswerk vollenden.

Ruth Hogan, Mr. Peardews Sammlung der verlorenen Dinge
ISBN 978-3-548-29086-7
(Ullstein)
10 €

 

 

Sara de Vos
Stell dir vor, du stellst auf einmal fest, dass das barocke niederländische Meistergemälde über deinem Bett nicht mehr das Original ist. So geht es dem New Yorker Patentanwalt Marty de Groot in den 1950er Jahren mit seinem Familienerbstück. Wer hat auf seinem Bett gestanden, um das Kunstwerk gegen eine Fälschung auszuwechseln? Wer hat diese fast perfekte Kopie angefertigt und wo ist das Original?

Im Jahr 2000 in Sydney bereitet die Restauratorin, Kunstprofessorin und Kuratorin Ellie eine Ausstellung über die niederländischen Malerinnen des Goldenen Zeitalters vor. Ihr Leben scheint ins Wanken zu geraten, als sie feststellt, dass das Gemälde „Mädchen im Wald“ von Sara de Vos zweimal geliefert werden soll, eines davon vom über 80jährigen Besitzer Marty de Groot persönlich. Wird nun, Jahrzehnte später, ihr einmaliger Fehltritt publik werden? Woher kommt das bisher unbekannte dritte Bild der Künstlerin, über die sie ihre Doktorarbeit angefertigt hatte und das als Neuentdeckung angekündigt ist?

Spannender Roman mit kunsthistorischen Aspekten und Einblicken in die Arbeit von Kunstmalern und -fälschern. Tiefgang bringen auch die zwischenmenschlichen Beziehungen und dabei auftretenden Täuschungen, seien sie nun beabsichtigt oder unbeabsichtigt.

Dominic Smith, Das letzte Bild der Sara de Vos
ISBN 978-3-548-29051-5
(Ullstein)
11 €

 

 

Bienen
Lustig – dass ausgerechnet eine „Maja“ ein Buch über Bienen schreibt (die kleine Biene Maja).

Traurig – dass es dabei nicht nur um die Erforschung und Hege von Bienen geht, sondern vor allem um das erschreckende weltweit auftretende Bienensterben.

Lehrreich und unterhaltsam zugleich ist die Mischung aus Insektenkunde und der Beobachtung des Zusammenlebens von Menschen. So werden Probleme in der Verständigung innerhalb von Familien geschildert. Die Hauptpersonen William (1852), George (2007) und die chinesische Blütenbestäuberin Tao (2098) sind im Kontext ihrer Zeit sehr sensibel geschildert. Die ökologischen Wechselwirkungen zwischen Mensch und Tier werden aufgezeigt. Die Geschichte regt an zum Nachdenken über den Umgang des Menschen mit der Natur wie auch untereinander.

Ein von der ersten bis zur letzten Seite packend geschriebener Roman.

Maja Lunde, Die Geschichte der Bienen
ISBN 978-3-442-71741-5
(btb)
11 €

 

 

Fever
Durch einen ansteckenden Virus sind innerhalb weniger Monate 95 % der Menschen auf der ganzen Welt gestorben. Zu den wenigen Überlebenden des „Fiebers“ gehören der dreizehnjährige Nico und sein Vater Will. Diese beiden wollen eine neue Siedlung und eine neue Gemeinschaft aufbauen. Sie funktioniert bald so gut, dass es zu Angriffen kommt.

Nico möchte gerne ein Held sein. Sein friedfertiger und von der Stärke des menschlichen Geistes überzeugte Vater Will ist ihm da als Vorbild zu schwach. Der geheimnisvolle Domingo, der als militärischer Führer die Verteidigung der neuen Gemeinschaft übernimmt, kommt ihm da gelegener. Dieser ist der Überzeugung, Menschen seien alle Tiere. Er übernimmt bald Nicos Ausbildung als Kämpfer.

Der Autor Deon Meyer ist durch seine in Südafrika spielenden Thriller bekannt. Dieser ebenfalls überzeugende Spannungsroman ist sowohl Öko-Thriller als auch postapokalyptische Gesellschaftsstudie , bei der man (in Anspielung auf den Titel) mitfiebert.

Deon Meyer, Fever
ISBN 978-3-7466-3536-1
(Aufbau)
12 €

 

 

Smoke
Zunächst liest sich dieser beeindruckende Roman wie ein Jugendbuch, mit einer Jungenfreundschaft in einem Elite-Internat. Auch das Mädchen zwischen den Jungen kommt dazu. Dann entwickelt sich die Geschichte sehr spannend, dramatisch und sogar philosophisch.

In England gegen Ende des 19. Jahrhunderts sind die Menschen von einem alles beherrschenden Phänomen geprägt. Sobald jemand schlechte Gedanken hegt, lügt oder Böses tut, bricht Rauch aus ihm heraus. Das ist für jeden anderen sichtbar und nicht zu unterdrücken. Ist es Krankheit, manifestiert sich so die Sünde? Welche Rolle spielen Familie, Erziehung, Religion in der Entwicklung eines Menschen? Welchen Einfluss auf den Rauch hat die Regierung, welchen ihre Gegner?

Ohne Spannung zu verlieren baut die zum Teil auch recht düstere Geschichte um Thomas, Charlie und Livia immer mehr Tiefe auf und kreist um existenzielle Fragen des Mensch-Seins.

Dan Vyleta, Smoke
ISBN 978-3-328-10279-3
(Penguin)
10 €

 

 

Porters
Die wohlhabende Familie Porter verbringt ihre Sommer im Ferienhaus auf der idyllischen Felshalbinsel Ashaunt in Neuengland. 1942 berichtet das aus Schottland stammende Kindermädchen Bea von den Veränderungen, die der neu errichtete Militärstützpunkt auf der Landzunge mit sich bringt. Wird der Krieg auch das Leben der Porters verändern?
Die damals jugendliche Tochter Helen sucht in den nachfolgenden Jahrzehnten nach ihrem Lebensweg zwischen Karriere an der Universität und eigener Familie. Danach macht ihr ältester Sohn Charlie eine schwierige Entwicklung durch über das Aussteigerdasein hinaus.
Die Charaktere in diesem Roman sind feinsinnig und liebevoll geschildert, eingebettet in die vielschichtigen, sich wandelnden Beziehungen innerhalb des Familienverbandes. Die Veränderungen über die Jahrzehnte spiegeln ein Stück amerikanischer Kulturgeschichte wider.
Zudem fasziniert in diesem Buch auch die bildhafte Darstellung der Landschaft mit ihren Pflanzen und Tieren und dem Meer als Schauplatz für Fischen, Schwimmen, Segeln und leider auch als Opfer einer Ölpest.

Elizabeth Graver, Die Sommer der Porters
ISBN 978-3-442-71551-0
(btb)
12€